Traumreise Hurtigruten Oktober 2010/ Der Reisebericht

 

Samstag, erster Reisetag:
Flughafen Kloten, Self-Check-In: Wir sollen über Kopenhagen nach Oslo fliegen und uns dafür an den Automaten einchecken. Die Kinder werden dazu verdonnert, aufs Gepäck aufzupassen, während die Eltern in einem komplizierten Vorgang die Codes und Daten für alle fünf eintippen, Sitzplätze auswählen - um dann statt dem Ausdruck der Boarding-Karten den lapidaren Hinweis "Out of Order" zu bekommen. Jacquelines Nerven sind etwas strapaziert, am Schalter werden wir dann persönlich eingecheckt und alles klappt, wie es muss.
 
Wir fliegen pünktlich ab, die Sitzplatzfrage (wer darf ans Fenster?) konnte geklärt werden und nach einem kurzen Aufenthalt in Kopenhagen geht es wieder in die Luft, diesmal bis nach Oslo, wo wir nachmittags landen und uns die vermutlich teuerste Taxifahrt unseres Lebens gönnen. (Man sollte halt wirklich genau in den Reiseunterlagen lesen, wie das mit den Taxis läuft, dann kostet es nur die Hälfte.) Wir haben da schon gelernt, dass Würstchen Pølser (Pölser) heissen - mit Kindern ein wichtiges Wort in Norwegen.

Unser Hotel in Oslo liegt sehr zentral und die Zimmer  sind hübsch eingerichtet. Das Zimmer von uns Eltern liegt am ganz anderen Ende des Flurs als die der Kinder, was vor allem Jacqueline etwas beunruhigt (sich aber als problemlos, ja gar ganz gut so herausstellt.)

Abends laufen wir los Richtung Hafen und Aker Brygge, einem ehemaligen Werftgelände, das nun zur Restaurantmeile umfunktioniert wurde. Entgegen der Behauptung von Anwesenden liegt Oslo sehr wohl am Meer und die Luft ist entsprechend frisch und windig. Das Abendessen im Freien hat geschmeckt, war den Schweizer Verhältnissen preislich angepasst und mit Lammfellen und Decken liess es sich aushalten.

Sonntag, zweiter Reisetag:
Oslo in einem Tag - ein Ding der Unmöglichkeit, und so entscheiden wir uns, statt viele Dinge halbherzig eines richtig anzusehen. Mit dem Schiff fahren wir über den Oslofjord auf die Museumshalbinsel, verfolgt von herzhaftem Regen und sehen uns das Wikingerschiffmuseum und das Frammuseum an, wo die Fram, das Schiff des Polarforschers Nansen ausgestellt ist, ein sehr eindrückliches Erlebnis und jedem Oslobesucher ans Herz zu legen.

Abends zieht es uns noch einmal in die Aker Brygge, wo wir im Steakhouse einen Tisch reserviert haben und uns ein ausgezeichnetes Abendessen gönnen.

Montag, dritter Reisetag, erster Tag auf See:
Wir verlassen das Hotel Richtung Flughafen, diesmal mit einem preislich vernünftigen Taxi und fliegen von Oslo Richtung Bergen (auch hier wieder - wer darf ans Fenster?). Dort angekommen nehmen wir wie in den Unterlagen empfohlen, den Flybussen. Dass wir dann zu früh aussteigen, weil ein Anwesender den Bahnhof gesehen haben will, ist ja nun nicht der Fehler unseres Reisebüros. Bergen regnet uns voll, ist grau und ungemütlich, und so entscheiden wir, uns mit dem Taxi erst mal zum Hurtigrutenanleger bringen zu lassen, um dort die Koffer zu deponieren. Da man uns aber schon direkt aufs Schiff lässt, lassen wir die Altstadt von Bergen sausen und retten uns ins trockene, warme Café der MS Nordkapp, um die Zeit bis zum Bezug der Kabinen zu überbrücken.
Die Atmosphäre vibriert, wir sind nicht die einzigen, die aufgeregt und gespannt sind, was uns erwarten wird und immer wieder fällt der Ausspruch " ich kann's noch gar nicht glauben, wir sind wirklich hier"..
Der Bezug der Kabinen versetzt uns in einen Taumel - die Suite für die Eltern ist wunderbar gross, Sekt liegt bereit, und auch die Kindern freuen sich über ihre Kabinen - jedes eine eigene, Winterkonditionen der Hurtigruten sei dank. Nach dem Auspacken machen wir uns auf, das Abend-Büffet zu erobern - kaltes und warmes Essen, Fisch und Meeresfrüchte, ein Dessertbuffet erwartet uns und während des Eindunkelns schlagen wir uns die Bäuche voll.

Nachts um halb elf ist es dann soweit: wir lichten die Anker und stechen in See - zu fünft stehen wir an Deck und verfolgen das Treiben, das Gefühl, nun endlich unterwegs zu sein auf unserer Reise entlang der Küste. Nachdem die Kinder ins Bett gebracht wurden, stehen die Eltern noch lange vorne am Bug und geniessen das Zusammenspiel von Wind, Wasser und Landschaft.

 
Dienstag, vierter Reisetag, zweiter Tag auf See:
Morgens ist die See etwas kabbelig, da wir eine Strecke vor offenem Meer zurücklegen. Das hindert uns nicht daran, das Frühstücksbuffet zu geniessen und uns köstlich über den Ausdruck "blödgekochte Eier" zu amüsieren. Norwegisch ist eine warme Sprache, die gewisse Ähnlichkeit mit Schweizerdeutsch hat, zumindest gesprochen.
Wir erreichen Ålesund, wo wir mit Pölser gestärkt, die Stadt im Jugendstil anschauen.
Nachmittags sind wir reif für eine kleine Siesta, abends gibt es ein Menü und wir bekommen einen zugewiesenen Tisch - dank Suite im schönsten Bereich des Restaurants, dank Kindern in der ersten Sitzung, denn das Schiff ist recht gut besetzt.

Die Eltern stehen auch diesen Abend noch lange vorne am Bug und geniessen den nächtlichen Ausblick und die Ruhe.

Mittwoch, fünfter Reisetag, dritter Tag auf See:
Nach dem Aufstehen und dem Frühstück liegen bereits zwei Drittel unseres Aufenthalts in Trondheim hinter uns, da wir hier zwar sechs Stunden Aufenthalt haben, aber dies von morgens um sechs an. Trondheim empfängt uns mit Regenwetter und das Treffen mit Menschen, die Jacqueline aus dem Internet kennt, wird statt in der Stadt kurzerhand ins Café der MS Nordkapp verlegt - man muss ja wirklich nicht alles gesehen haben. Daniel und Victoria gehen von Bord und spielen Zielschiessen mit Steinchen ins Wasser.
Die von Jacqueline verlorene Karte, die gleichzeitig als Zimmerschlüssel und als Zahlungsmittel dient, taucht wieder auf, währenddem Benjamin bereits die zweite Karte hat, nachdem er die erste IN der Kabine liegengelassen hat.
Daniel und die Kinder besetzen den einen der beiden Whirlpools an Deck und Jacqueline fotografiert, darauf bedacht, weder von der Familie noch vom Wetter nass zu werden.
Am Abend bleiben wir lange in der Bar sitzen mit Reisebekanntschaften aus Mainz, die sich ebenso wie wir sehr oft draussen an Deck befinden, schauen und fotografieren und sich nicht von Wetterunbequemlichkeiten abhalten lassen. Wer will denn schon die ganze Reise im Panoramasalon verfolgen, ohne den Duft der See, die Kälte der Region und den Wind in den Haaren? (Viele, viele!!)
In Rorvik treffen wir auf das südgehende Hurtigrutenschiff MS Richard With, direkt vor uns "parkiert" sie ein und wir können genau beobachten, welche Massarbeit so ein Anlegemanöver ist.

Jede Begegnung zweier Hurtigrutenschiffe wird auf der ganzen Reise angekündigt und mit lautem Tuten grüssen sich die Schiffe.

 
Donnerstag, sechster Reisetag, vierter Tag auf See:
Noch während wir schlafen, kurz nach sieben, überqueren wir den Polarkreis.
Nach dem Frühstück findet dann auf dem Aussendeck 7 die Polarkreistaufe statt, wo wir Eiswürfel in den Rücken gekippt bekommen und dafür ein Zertifikat erhalten - man gönnt sich ja sonst nichts.
Wir erreichen Bodø, wo ein langer Aufenthalt ausreicht, die Kinder an Bord zurückzulassen und als Eltern eine Runde shoppen zu gehen. Wir haben vieles gesehen, aber wenig gekauft, denn die Platzverhältnisse in unseren Koffern sind uns nur zu klar.

Wir laufen nun von Bodø aus Richtung Stamsund und überqueren den Vestfjord. Wir werden über Lautsprecher gebeten, draussen auf Deck vorsichtig zu sein, denn wir haben Windstärke 11 - und genauso fühlt es sich auch an. Es schaukelt und schwankt und wir müssen erste Tabletten gegen die Seekrankheit nehmen. Daniel scheint immun, Oliver hat es richtig erwischt, aber nach einer Stunde, als die Tablette wirkt, ist alles wieder in Ordnung. In Stamsund angekommen, geniessen wir die relative Ruhe im Hafen, beim Ablegen erkennen wir, warum das Schiff so ruhig lag - diesesmal wurde der Anker benutzt, wo sonst die Taue ausreichten, um das Schiff am Kai festzumachen. Noch immer ist die See unruhig, aber wir glauben, das Schlimmste hinter uns zu haben - "we survived the Vestfjord".

Freitag, siebter Reisetag, fünfter Tag auf See:
Morgens besuchen wir die Brücke und lassen uns erklären, wie man so ein grosses Schiff steuert, wie das alles funktioniert. In dieser Zeit fährt das Schiff auf Autopilot, draussen ist es relativ ruhig. Jeder von uns darf einmal auf den Kapitänsstuhl sitzen und sich wie der Kaiser des Nordpols fühlen ;-)

In Tromsø steht nicht nur die nördlichste Universität der Welt, sondern auch die nördlichste Kathedrale, und überhaupt ist hier alles das "nördlichste", sogar der Stau. Eisenbahn gibt's hier keine mehr, nur das Schiff oder Auto oder Flugzeug. In Tromsø ist es 8 Monate Winter und 4 Monate schlechtes Skiwetter. Im Sommer wird es bis zu 20° warm, obwohl es auf der Höhe von Nord-Alaska liegt - ein Verdienst des Golfstroms, der die ganze norwegische Küste aufwärmt und für die Breitengrade sehr mildes Klima verursacht.

 
Samstag, achter Reisetag, sechster Tag auf See:
Wir legen in Honningsvåg an und steigen in den Bus um. Eine Fahrt durch karge, unwirtliche Regionen bringt uns unserem heutigen Tagesziel näher. Unterwegs erfahren wir viel Interessantes über die Kultur der Samen, halten an, um ein Rentier zu begrüssen. Und dann sind wir am Ziel: das Nordkap, der nördlichste, mit dem Auto erreichbare Punkt Europas. Begrüsst werden wir mit Eisregen, wie passend!
Auf einer Klippe stehen wir über dem Meer und spüren die Magie, die von diesem Punkt ausgeht. Die ganze Tiefe der polaren Empfindungen ist hier zu spüren, wie in einer anderen, rauhen, kargen Welt.
Unsere Ansichtskarten werfen wir hier in den Postkasten, um den Moment wenigstens ein bisschen mit den Daheimgebliebenen zu teilen.

Abends erwartet uns ein Nordkapp-Buffet mit allerlei Köstlichkeiten, die typisch sind für diese Region - Rentierfleisch, Königskrabben, Gravlaks, Fisch und Krustentiere in Hülle und Fülle. Wie immer bei Buffets gibt es freie Tischwahl, und so zeigt sich die ganze Fülle menschlichen Verhaltens - zu zweit am Sechsertisch, Taschen und Kleidung fein säuberlich auf die freien Stühle drapiert, Teller überfüllt mit Speisen, als hätte es nicht genug für alle, Rücksichtslosigkeit am Buffet gegenüber Kindern und höflichen Menschen - doch zum Glück sind das die Ausnahmen. Das Personal ist sehr bemüht, alle glücklich zu machen und möglichst alle Wünsche zu erfüllen.

Sonntag, neunter Reisetag, letzter Tag auf See:
Wir Eltern stehen zeitig auf, um das Anlegen im vorletzten Hafen unserer Reise in Vadsø verfolgen zu können, noch einmal ein paar Bilder zu machen, bevor wir frühstücken gehen. Danach legen wir dann auch schon in Kirkenes an, dem Endhafen unserer Seereise. Wir packen unsere Rucksäcke und gehen von Bord, wo uns unsere Koffer erwarten. Wir steigen in den Bus, mit dem wir nun an die russische Grenze fahren werden. Viel zu sehen gibt es dort zwar nicht, ein Parkplatz, ein Souvenirshop - und doch, dahinter fängt Russland an, hier endet der Schengenraum, denn wie die Schweiz ist auch Norwegen zwar nicht in der EU, gehört aber zu Schengen.
Wir erfahren viel über die Bedeutung von Kirkenes als Grenzregion, über die Bedeutung im zweiten Weltkrieg und über die Bedeutung von Gas und Ölfeldern in der Barentssee, welche in der Region in den nächsten Jahren viele neue Arbeitsplätze schaffen werden.

Mit dem Bus werden wir vor unserem Hotel abgesetzt, wo wir unsere Zimmer beziehen und noch immer etwas konsterniert feststellen, dass die MS Nordkapp ohne uns abgelegt hat. Wir machen uns zu Fuss auf ins Zentrum, was in einer 4000-Seelenstadt nicht weit sein kann. Der Hunger treibt uns an den Würstchenstand, wir entdecken im Schnellverfahren die Stadt, denn ein paar aneinandergereihte Geschäfte in einer Fussgängerzone, ein paar grössere Gebäude - der Stadtkern.

Montag, zehnter Reisetag, nicht mehr auf See:

Wir nutzen Kirkenes, um all die vielen Eindrücke der letzten Tage zu verarbeiten und gönnen uns einen gemütlichen Tag. Der Besuch des Grenzlandmuseums ums Eck, das Verweilen am Wasser davor lassen uns ankommen. Nur bisweilen erleben wir, wie der Boden plötzlich schwankt - eine Konsequenz der Tage auf See, die unser Gleichgewichtsorgan durcheinander gebracht haben.

Dienstag, elfter Reisetag, Heimreise:

Morgens um zehn vor dem Hotel in Kirkenes vom Flybussen abgeholt werden, dann zirka 3'500 km zurücklegen, um dann abends erleichtert und müde daheim anzukommen.(Nicht ohne die obligate Diskussion: wer darf ans Fenster?)

 

Fazit:
Es war eine besondere Reise.
Vieles von dem, was wir aufgrund der Prospekte, der vielen Bildern in den Reiseführern erwartet haben, das haben wir nicht gesehen. Das Nordlicht zum Beispiel, denn dafür hätte es klaren Himmel gebraucht.

Doch wir haben etwas anderes erfahren: die Schroffheit der Polarregion, die Herzlichkeit der Norweger, das typische Wetter...
Die Überquerung des Vestfjords hat uns zu schaffen gemacht, doch sie war gerade darum ein Höhepunkt der Reise, hat sie uns doch unerbittlich klar gemacht, welche Urgewalt in Meer und Wind stecken, wie ausgeliefert wir dem sind, und wie dankbar wir sein können, wenn uns die Natur wohlgesonnen ist, obwohl wir sie nicht immer sonderlich nett behandeln.
Diese Reise, bei meist grauem Himmel, mit viel Regen und Wind, war charakteristischer, als es eine Schönwetterreise gewesen wäre. Natürlich, die Fjorde in Sonnenlicht und Farben gebadet statt in Tausenden von Grautönen zu sehen, wäre auch schön gewesen, aber das Gefühl von Wind und Regen auf der Haut, vorne am Bug der MS Nordkapp stehend, den Blick in die Weite gerichtet, ist das, was wir mit nach Hause genommen haben.
Wir würden wieder gehen - und wer weiss, vielleicht tun wir das auch.
Mitternachtssonne, Geirangerfjord, Polarlicht, Walsafari - all das hat noch immer seinen (unbekannten) Reiz.
 
Und was gibt es Schöneres am Ende einer Reise als zu sagen:
Es war es wert.


 

www.ohneha.ch