Hurtigruten Oktober 2012
vom 01.10. bis 12.10.2012 auf der MS Nordkapp

 

 

Diesen Reisebericht habe ich live während der Reise an Bord der MS Nordkapp fürs Hurtigforum geschrieben und ihn für hier etwas angepasst.
Doch statt einem aufzählenden Bericht haben sich sehr schnell die Erkenntnisse des Tages als Erzählform durchgesetzt. Das liegt auch daran, dass auf so einer Reise so viele Erlebnisse und Eindrücke passieren, die man eigentlich nicht in Worte fassen kann und soll - ein Teil davon findet sich dann auf den Bildern.
Viel Spass beim Lesen und Schmunzeln!

 

Tag  

 

01

 

Wir sind sehr pünktlich daheim losgekommen, der Flug nach Copenhagen und dann nach Bergen verlief reibungslos und auch die Fensterfrage (wer sitzt am Fenster) konnte zufriedenstellend und ohne heftige pädagogische Massnahmen gelöst werden. Bergen empfing uns sehr freundlich, denn es regnete nicht und zwischendurch kam gar die Sonne raus. Der Transfer zum Terminal war ausserordentlich günstig, den wir hatten uns nichtsahnend in den Hurtigruten-Transferbus gesetzt, für den man aber eigentlich einen Gutschein brauchte, den man nicht direkt bezahlen konnte. Wir durften trotzdem mitfahren und das Trinkgeld mochte der Chauffeur auch nicht annehmen. DAS ist für mich so typisch norwegisch.

Dann gab's Sicherheitseinweisung und dann endlich berührten unsere Füsse den Boden der MS Nordkapp - und wie von Zauberhand fiel Stress und Hektik von uns ab.

Bergen wollte sich dann doch nicht ganz untreu werden, und lieferte noch etwas Regen nach - aber mal ehrlich- AUF dem Schiff ist das ja dann doch ziemlich egal.
Spätabends ging es dann los, die erste halbe Stunde waren wir noch draussen, und dann war Bettzeit angesagt, denn alle waren ausreichend müde - der Tag war lange und aufregend.

Erkenntnisse des Tages:
- Dänische Flughafen-Sandwiches sind *börks*
- an 17-Jährige wird auch in Begleitung der Eltern kein Alkohol ausgeschenkt
- Lachsforelle schmeckt fast so gut wie Lachs, aber nur fast
- Reiseadapter erfüllen ihren Nutzen nur, wenn man sie auch dabei hat.
- wer im Norwegischkurs nicht aufpasst, wird mit der Norwegisch-Lehrerin auf dem gleichen Flug "bestraft" (was für ein witziger Zufall!)

Nachts war es etwas unangenehm, wir schaukelten so vor uns hin, aber leider nicht im Gut-Einschlaf-Modus, sondern eher im *hups*-Modus, was dann morgens beim Jüngsten auch zu *hups* geführt hat.

 

 

2

 

Der zweite Tag war gefüllt damit, sich hier einzuleben, in Ålesund nachzukaufen, was daheim liegen geblieben ist (wie zum Beispiel das Stromkabel für den Laptop oder die warme Unterhose für den Mann), mit der ersten Whirlpool-Benutzung, mit einer ausgiebigen Foto-Session auf Molde zu (ja, es ist mir gelungen, die Nordkapp in der Spiegelung des Rica Seilet einzufangen), mit dem Abendessen in der zweiten Sitzung waren wir gut bedient, lenkte dieses doch auch davon ab, dass wir etwas Seegang hatte.
Die Einfahrt nach Kristiansund war einfach nur spektakulär, und ich habe das erste Mal überhaupt in Norwegen den Sternenhimmel gesehen, es war sehr klar.
In Kristiansund haben wir vor uns ein Oil Recovery Ship liegen gehabt, und von der Neugier getrieben standen wir auf dem Kai, als dann ein Crew-Mitglied der Stril Poseidon uns netterweise ganz viel über dieses Schiff und seine Aufgaben erzählt hat.

Danach nahmen wir eine Dosis Schlaf zu uns, wussten wir doch, dass wir heute früh raus müssen.

 

 

3

 

Erkenntnisse des 3.Tages:

- früh aufstehen ist für Minderjährige die Höchststrafe, und das auch noch, um "irgendsone Kirche" anzusehen. Eltern werden mit schlechter Laune nicht unter einer halben Stunde bestraft.

- die Schweizer sind Pfeifen. -äh- Orgelpfeifenspezialisten. Die Hauptorgel im Nidarosdom wird gerade abgebaut, in Lastwagen verladen und in die Schweiz zur Überholung gefahren.

- Notizen sollten zumindest so leserlich sein, dass man die Begriffe Nordlys und Polarlys unterscheiden kann. *hüstel*

- Was Hänschen nicht lernt, lernt auch Hans nicht mehr - in diesem Fall ich. Schon bei der ersten Reise, jetzt auch wieder spielt sich täglich mehrmals die gleiche Szene ab - eine Frau, nicht selten mit Tasse, Kamera oder Laptop bewaffnet, erklimmt die ersten Treppenstufen von Etage 5 nach 6, fängt an zu lachen, dreht sich um, und geht dann hinunter auf Deck 4. Mein Hirn muss wohl von diesen vielen Eindrücken hier derart überfordert sein, dass es zwar alle Sorten von Licht definieren kann, aber bei der schlichten Definition von "nach oben" und "nach unten" überfordert ist.

- das Schiff ist nicht mal halbvoll - das macht vieles sehr entspannt, besonders lange Fotosessionen auf Deck 5 vorne - ich muss oft nur mit meinem Mann teilen

- Familie kann sich bestens beim Nachtisch darüber streiten, ob das nun Apfel- oder Meloneneis ist (es stand 3:2) - und dann auf dem Menüplan lesen, dass es Birne war.

So, nun wird es dann wohl bald auf den Vestfjord gehen, damit ist dann wohl die Verbindung weg, doch immerhin - wir haben wunderbares Wetter, etwas Sonne, etwas Wind und nicht ansatzweise so, wie beim letzten Mal, der Vestfjord könnte gnädiger zu uns sein...

 

 

4

 

Erkenntnisse des 4. Tages:

- das Interesse von Teenagern an ihrer Aussenwelt nimmt markant zu, wenn entweder das WLAN nicht funktioniert oder keiner der Kollegen auf WhatsApp anzutreffen ist.

- der Vestfjord kann ja eine richtig, wunderbare Strecke sein und man sieht ja die Lofoten schon von weitem - was für eine wunderbare, unerhoffte neue Erkenntnis.

- wenn der Reiseleiter bei der Polartaufe den Leuten erzählt, dass sie auf norwegisch nur sagen müssen "ich will nicht so viel Eis" - und ihnen dann vorsagt "jeg vil ha mye is", dann kann man sich sehr darüber amüsieren, was gleich passieren wird, wenn man ein bisschen Norwegisch kann. (Der Satz bedeutet: "ich will VIEL Eis")

- auch Restaurantleiterinnen haben Geburtstag - ihr Ständchen wird dann gern auch mal von allen Passagieren geschmettert.

- Stadtausflüge werden überschätzt - einmal den Hafenkai hinauf und wieder hinab reicht auch, um einen Geschmack des Ortes zu bekommen - und dafür bleibt mehr Relaxing-Zeit, die man dann aber gut mit aufregenden Aussichten und Gesprächen mit Mitreisenden verbringen kann.

- es ist gut möglich, zwei Wetterzonen über Stunden auf dem Schiff zu haben - über den Vestfjord war vorne Regen und Wind und hinten Kaiserwetter, mild und trocken.

- Cruise Card verlieren ihre Türöffnungsfunktion genau dann, wenn IN der Kabine Kamera und Jacke liegen und das Schiff gleich ablegen wird.

- Hurtigrutenreise: was weiss ich denn, was in fünf Minuten ist, ich bin schon froh, wenn ich nur annähernd mitbekomme, was jetzt grad ist.


Der Trollfjord
Trollfjord-Erkenntnisse gibt es keine, der witzig-ironische Schreibstil von bisher würde nicht passen, es gibt "nur" eine Beschreibung.

Auf unserer ersten Reise war der Trollfjord eher eine unspektakuläre Geschichte, durch sehr schlechtes Wetter wurde es sehr spät, reinfahren konnte man nicht, auf Deck sieben hat man nicht bis an Land gesehen, weil der Regen einen dunklen Schleier über alles legte.

So waren wir erst unsicher, ob wir aufbleiben sollen, zumal uns gestern ja der Vestfjord für sämtliches Schlechtwetter auf der ersten Reise entschädigt hat und all die Eindrücke so viel waren.
Doch dann entschieden wir uns, das nicht auf Deck 7 mit Tasse und Pipapo mitzumachen, sondern einfach unseren Stammplatz aufzusuchen.

Wir fuhren in diesen engen Bereich hinein, es war eine klare, milde, relativ windarme Nacht, wir waren zurückhaltend gespannt - und dann realisierten wir dank den Scheinwerfer, WO dieses Schiff jetzt dann gleich reinfährt - WAHNSINN!
Es wirkte, als könnte das Schiff da unmöglich diese Kurve da in diese Enge hinein nehmen, als könnte man den Fels gleich mit den Händen berühren.
Klar, das war natürlich nicht so, aber allein dieser Eindruck - und dann fuhr das Schiff in diese Enge, Stille, links und vor allem rechts ging es steil hoch, oben waren Schneeflecken zu sehen - und dann begann die Wende - und unser Blick führte nach vorne, wo der noch fast volle Mond vom klaren, nur mit ein bisschen Schleierwolken bedeckten Himmel den Weg erleuchtete - und dann sah ich die erste Sternschnuppe. Und noch eine. Und andere auch - und man wusste gar nicht, wo man zuerst schauen soll - Fjord im Mondlicht oder Sterne mit Sternschnuppen. Ich schätze, dass allein auf dem letzten halben Weg aus dem Trollfjord hinaus 7 oder 8 Sternschnuppen gesichtet wurden.
Mein Mann hatte zwei gesehen - und war sososo glücklich darüber, denn er hatte mindestens seit 15 Jahren keine mehr gesehen, obwohl wir diesen Sommer häufig den Nachthimmel beobachtet haben, als Sternschnuppenzeit (Leoniden) war.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, die Kamera nicht mit raus zu nehmen, weil ich mir das Erlebnis nicht nehmen wollte - und weil ich bezweifelte, dass ich das fotografisch hinbekomme, dafür bin ich viel zu sehr Amateur. Ausserdem - manchmal merkt man doch in solchen Momenten auch wieder, dass unser Gedächtnis eben viel mehr aufnehmen kann als Pixel - Farben, Gerüche, Gefühle, Stimmungen, all das kann keine Kamera der Welt speichern. Und die meisten um mich herum, die mit ihren Kameras verzweifelt versuchten, das Ereignis festzuhalten, stellten fest, dass sie vor allem verwischte Lichtschimmer drauf hatten.

Es hat mich tief, tief beeindruckt.
Unbestritten die Fähigkeiten des Kapitäns, in diesen engen Fjord hineinzufahren, aber halt noch viel mehr, was die Natur dann alles noch so obendrauf legte. Kennt Ihr dieses Gefühl, dass man so etwas erlebt, und es sich für einen kleinen Moment anfühlt, als wären Raum und Zeit aufgehoben und man besteht nur noch aus Gefühlen und Licht und Energie?
So war das im Trollfjord, und auch wenn ich keine Bilder für die Aussenwelt habe, in mir drin ist der Speicher so voll, und ich werde diese Bilder und Gefühle bestimmt immer wieder abrufen, einfach weil es unfassbar ergreifend war.

 

5

 

Erkenntnisse des 5. Tages:

- man sollte vorsichtig sein, wem man frühmorgens seinen Kaffeebecher zum Halten anvertraut - er könnte geleert zurückkommen.

- Hurtigruten: Du winkst Dir fremden Menschen so enthusiasistisch zu, als wäre es Deine Lieblingsfreundin - dabei ist es doch "nur Internet"

- im Polaria mit einem Extrafilm beglückt werden, weil so viel Zeit ist, aber nach Film und Vorführung gerade mal 10 Minuten für den Rest des Hauses und den schönen Shop zu haben, ist eine ungute Organisation. Dafür wurden wir im Bus so beheizt, dass uns jeder Widerstandsgeist verloren ging.

- Türoffnungskarten werden wirklich überschätzt.

- Stockfisch wird auch überschätzt

- an Land kann man mit der CruiseCard nicht bezahlen, wirklich nicht, auch nicht mit dem freundlichsten Lächeln

- Stugeron (Anti-*hups*-Tablette) wird unterschätzt. Wenn Du anfängst, Dir Gedanken zu machen, bei welcher Neigung es gefährlich wird, dann musst Du schnellstens an die frische Luft und/oder medikamentös unterstützt schlafen gehen.

- es sind 3 Etagen bis in die Bar hoch aus dem WLAN-Bereich. Auch wenn der Sohn dort oben grad den Barpianisten ablöst und ich das nicht verpassen will, ist es nicht nötig, so hochzusprinten wie bei einem Marathon. Schon gar nicht, wenn man erst in der zweiten Sitzung gegessen hat.

- Ich habe doch eigentlich Ferien - aber warum bin ich dann so müde? Müdigkeit ist nicht zu unterschätzen - und das Wetter auch nicht, Berlevåg lassen wir grad eben aus.

 

 

6

 

Erkenntnisse des 6. Tages:

-Die CruiseCard und ich - das scheint eine neverending Story zu sein. Das Wiederherstellen der Türöffnungsfunktion hat dann die Bezahlfunktion kaputtgemacht - und nun habe ich eine neu gedruckte Karte, mit der ich bezahlen kann, wo ich aber dafür immer mindestens 5 Anläufe brauche, bis die Kabinentüre sich öffnen lässt.

- Im Norwegisch-Deutschen Bus aufs Nordkapp zu sitzen hat und viel Platz eingebracht - und die Erkenntnis, wieviel Norwegisch wir unterdessen doch schon verstehen, der Kurs hat sich ausgezahlt.

- Beim ersten Ausflug aufs Nordkapp 2010 dachte ich, wir hätten schlechtes Wetter - seit heute weiss ich, WIE gut es war. Nebel liess die Sichtweite unter wenige Meter sinken - zum Glück war die Sicht im Shop ausgesprochen klar.

- Es gibt wohl nur einen Grund, um sich abends in Zimmerkleidung vorne auf Deck5 hinzustellen, eigentlich ganz fürchterlich zu frieren und doch unfähig sein, die Jacke mal schnell zu holen, weil das bedeuten würde, dass man die Augen von diesem wabernden grünen Schleier am Himmel nehmen müsste - meine erste Begegnung mit einem Nordlicht.

- das Nordkappbüffet lässt einen tief in die Abgründe mancher menschlichen Seele blicken, sehr tief.

- das Auslassen von Berlevåg war der Auftakt zu einer sehr lebhaften Nacht. Ich werde offenbar auch bei heftigstem Schaukeln nicht seekrank - nur Schlafen kann ich nicht. So kam ich wenigstens mitten in der Nacht zu einer exklusiven Nordllichtbetrachtung aus den Kabinenfenstern, denn um vier Uhr morgens haben wohl alle anderen geschlafen. Als dann die See ruhiger wurde und ich einschlafen konnte, war es dafür Zeit zum Aufstehen, eine Dusche musste den Schlaf ersetzen.

- Wort des Tages: Beschwindigung. (Ich hab die Tendenz, gern aus zwei Worten eines zu machen - wie Gewätter aus Wetter und Gewässer.)

- um uns im Speisesaal zu orten, muss man nur gucken, wo am meisten gelacht wird.

So, nun geh ich schlafen - äh - essen.

 

 

7

 

Erkenntnisse des 7. Tages:

- Es sind doch keine mystischen Ereignisse, die mein Verhältnis zur CruiseCard geprägt haben. Es ist einfach nur grenzwertig hilfreich, den Kontakt zwischen Iphone und Karte sorgfältig zu vermeiden, und die Karte dann in die Nähe des Laptopakkus kommen zu lassen. Damit dürfte das Kapitel CruiseCard abgeschlossen sein, es sei denn, ich hätte noch irgendwo einen Akku an mir, den ich vergessen habe.

- Schlaf wird nur dann überschätzt, wenn man zumindest ein Grundmass davon mitbekommt. Merke: für eine allfällige nächste Reise nicht nur Stugeron, sondern auch eine Schlaftablette mitnehmen, einzunehmen auf der Barentsee ab Beaufort 8.

- Auch in Kirkenes am Hafen finden sich 4-blättrige Kleeblätter, das ist meine Nummer zwei auf dieser Reise, das andere wuchs in Finnsnes.

- Statt den Ausflug zur russischen Grenze mitzumachen wie Mann und grosser Sohn, habe ich mit den anderen beiden Kindern eine Stunde lang Muschelschalen am Hafen von Kirkenes gesucht. Dabei haben sie überhaupt gar kein Internet gebraucht, und wir alle hatten grossen Spass.

- auf dieser Höhe gibt es keine Kastanien und keine Kastanienschalen. Wer also eine stachlige Schale findet, kann davon ausgehen, dass es ein Seeigel ist.

-Im Hafen von Kirkenes ist ein kleiner Shop, da kann man u.a. wunderschöne Tücher kaufen, wirklich wunderschön

- was so eine Reise auch so bereichernd macht, sind all die kleinen, manchmal kurzen, manchmal langen Gespräche mit Mitreisenden, wo man so vieles erfährt, das die eigenen Befindlichkeiten wieder relativieren.

- mein Verhältnis zu oben und unten wird sich auf dieser Reise auch nicht mehr ändern, ich sage es nur dann richtig, wenn ich es falsch sagen will.

- Berlevåg haben wir auch auf dem Rückweg nicht gesehen - ich glaube fast, wir müssen nochmal reisen, um _alle_ Häfen zu haben

- 22.40, wir gehen als letzte aus der Bar, wo der Sohn und der Pianist 4händig JerryLee Lewis gefetzt haben - und der Rest des Schiffs ist in tiefes Schweigen und Menschenleere getaucht. Auch wenn nur noch 169 an Bord sind - sind das alles Frühschläfer oder tragen wohl die Beauforts dazu bei?

 

 

8

 

Erkenntnis des 8.Tages:

Es gibt nur eine, die wichtig ist, alles andere ist grade nebensächlich.

...und man kann tausend Bilder gesehen haben, hunderte Bücher gewälzt, Stunden von Videos gesehen haben, doch nichts kann auch nur ansatzweise wiedergeben, wie ein Nordlicht in Wirklichkeit aussieht, wie es sich verändert, bewegt, um die Sterne herum wabert.....

Nichts, wirklich nichts, auch nicht die grösste Leinwand kann ersetzen wie das ist, wenn man auf Deck sieben unter freiem Himmel steht und nicht weiss, in welche Richtung man zuerst schauen soll, weil sie von überall kommen, weil sie überall sind...

Ja, heute habe ich meine ersten Polarlichter gesehen, nicht einen schwachen grünen Schimmer hinter den Wolken, sondern diese klaren, leuchtenden Bänder am nachtschwarzen Himmel.

Ich ahnte es, doch bis heute wusste ich es nicht - es ist so überwältigend, ich glaube, das ist das Schönste, was ich in meinem Leben gesehen habe.

Und wenn ich heute nacht nicht schlafen kann, weil die See zwar ruhig ist, ich aber momentan so aufgedreht, so überüberglücklich bin, dann kann ich die Augen schliessen und mich in die Erinnerungen einkuscheln wie in eine Decke, aus Licht und Farben gewoben.

Ich bin gleichzeitig zutiefst dankbar und demütig, dass ich das sehen durfte, und ich danke dem Leben, dass es mich so reich beschenkt.

 

 

9

 

Erkenntnisse des 9.Tages:


- die CruiseCard-Geschichte geht weiter - heute war es Oliver, mein grosser Sohn, der aber dann die Variante Karte IN der Kabine und Karte aufs Ipad ins Spiel brachte - ich bin ja gespannt, wer von uns morgen dran ist, und welche Finessen er sich dann einfallen lässt.

- Postapokalypse und postakopalytisch postapokalyptisch waren unsere Zungenbrecher beim Abendessen, spätestens nach dem zweiten Mal ging's nicht mehr richtig (und ich würde ja zu gerne wissen, wer von Euch es jetzt grad ausprobiert )

- es ist in der Theorie eine kluge Idee, den Laptop mitzunehmen, um immer mal wieder Bilder zu sichten, zu überspielen und zu bearbeiten. Auf einer Hurtigrutenreise funktioniert das nur nicht - wer will denn schon Bilder von gestern betrachten, wenn er draussen hunderte neuer mit Postkartenmotiven schiessen kann.
(Man möge mir verzeihen, wenn keine aktuellen Bilder drin sind - ich bin einfach auf ein Mindestmass an Schlafstunden angewiesen.)

- Risøyrenna, Ausflugsbus/Schiffbegegnung, Hurtigrutenmuseum, mit dem Schiff durch die Vesterålen, Raftsund, Trollfjord bei Tag, Svolvær in der Dämmerung - gibt es eigentlich auch sowas wie BlueScreen beim Gehirn? Ich habe wohl grade einen Eindrückeverarbeitungsstau im Kopf!

- Die Schiffsdurchsagen werden zuerst norwegisch, dann englisch, dann deutsch gehalten - meine Texterkennung hat sich seit Beginn der Reise von 10% norwegisch und den Rest in englisch und deutsch soweit verbessert, dass ich bereits bei der englischen Durchsage weiterplaudern kann, weil ich alles wichtige schon verstanden habe. Damit ist meine Motivation, den Kurs nach den Ferien weiterzumachen, grad explosionsartig angestiegen - es sprechen nicht alle so langsam und bewusst deutlich wie der Reiseleiter, und norwegische Mitreisende können sehr sicher sein, dass ich sie nicht belausche. Im Umkehrschluss bewegen wir uns dafür mit unserem Schweizerdeutsch auf relativ sicherem Boden - die anderen Schweizer sind gewöhnlich nicht da, wo wir sind. Ob das nun gut oder schlecht ist, weiss ich nicht - und will ich vielleicht lieber auch nicht wissen.

-Liebster Vestfjord, auf dem wir nun grad sind - lass uns doch Freunde bleiben, ja? Wir kennen Dich ja nun, wenn Du freundlich bist, wir kennen Dich, wenn Du stinkig bist, Du brauchst uns also nichts mehr zu beweisen, wir mögen Dich sowieso. Halte Dich bitte etwas zurück, ja?

- Du weisst, Du bist auf der richtigen Reise, wenn Du im Laufe der verstreichenden Tage anfängst "falls wir nochmal" durch "wenn wir dann nochmal" zu ersetzen.
Dann kannst Du nur hoffen, dass Du das richtige Forum kennst, um die Zeit bis dahin irgendwie zu überstehen.

 

10

 

Erkenntnisse des 10. Tages:

- Das Umlaufdeck heisst genau so, weil es nicht etwa dazu gedacht ist, selbst bei widrigsten Verhältnissen den direkten Kontakt zu Natur und See zu suchen, sondern um herumzulaufen, gern im Eiltempo, fast immer dekoriert mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck so im Stil „was stehen die in unserer Marschrinne!!?!!“

- Was ist der Unterschied zwischen Lebertran und Sonnenblumenöl? Geschmacklich keiner, aber mit ersterem kann man die Passagiere zu den schöneren Grimassen bringen.

- Bei freier Tischwahl bricht das animalische in den Menschen durch.

- Teenies entdecken garantiert den Trick, wie man _in_ den Kabinen noch WLAN hat.

- Vollpension heisst so, weil man das nach jedem Essen ist. Eigentlich müsste es Übervollpension heissen.

- Waagen werden überschätzt. Ich werde meine wohl daheim in die hinterste, dunkle Ecke verbannen (müssen) und frühstens Weihnachten Ostern nie mehr hervorholen.

- Von möglichst jedem Ort/Region einen Kühlschrankmagneten zu kaufen, ist eine gute Idee, besonders, wenn man über eine Küche aus Metall verfügt, wo man diese dann wunderbar arrangieren kann. Den Aufbewahrungssack derselben jedoch in die Nähe der CruiseCard zu bringen, ist keine gute Idee. (Ich hatte offenbar einfach noch nicht alle Varianten durch - und hinter der Rezeption wurde gelacht, als ich schon wieder ankam " I killed my card again" )

- Brückenführungen sind momentan aus Sicherheitsgründen gecancelt. Anscheinend hat vor 8 Wochen bei einer solchen auf der Kong Harald einer der Besucher ein bisschen Knöpfchen drücken gespielt, worauf das Schiff vom Kurs abkam.

- Man kann den Torghatten natürlich dann fotografieren, wenn die Durchsage kommt, und es alle anderen auch tun. Man kann aber auch viel früher draussen sein, und mit etwas Geduld das Loch schon auf der „schlechteren“ Seite sehen, sodass man beide Seiten fotografieren kann. (Und sich beim ersten Mal drüber wundern, dass a) sowenig Menschen draussen sind und b) das Loch in Natura dann doch recht klein scheint. *hüstel*)

 

 

11

 

Erkenntnisse des 11. Tages:

- Hurtigruten - immer wenn Du denkst, auf der nach oben offenen Schöhnheitsskala seist Du nun beim Maximum angelangt, kommt die Natur daher und setzt noch einen obendrauf, solange, bis Du Dich ergibst und nicht mehr versuchst, das alles in Attribute wie "unfassbar schön", "fantastisch" oder "Wahnsinn!" zu fassen, sondern es nur noch auf Dich wirken lässt.

- Trondheim, morgens, gut 1/3 Drittel der Passagiere geht von Bord und die Wehmut wabert wie Nebel durchs Schiff - einerseits, weil manches Gesicht schon weg ist und vor allem, weil einem nur zu klar ist, dass einen in Kürze das gleiche Schicksal ereilen wird.

- Doch, ich kann nun den besonderen Charme der MS Lofoten verstehen. Ob ich je auf ihr reisen werde, weiss ich nicht, aber mögen tue ich sie auf jeden Fall

- Kabinentür auf, in den Flur, hin zu der Notausgang-Türe und Treppenhaus zwischen den Suiten, Türe aufmachen, auf dem Ipad das WLAN aufrufen - und mit dem WLAN zurück in die die Kabine für die nächsten 15 - 60 Minuten, je nachdem, ob die Türe auf ist oder nicht. So hat man WLAN in den Kabinen. Entdeckt by Teenager

- Lieblingswort in Norwegisch, könnte jeder Passagier dieses Schiffes bestimmt sehen: Trappetrinn.

- Wenn Fischsuppe auf der Karte steht, dann kann das Fischsuppe sein - oder eben Fischsuppe! In ersterer schwimmen lauter Dinge, die man gar nicht erkennen will, bei zweiterer überlegt man sich, ob man noch einen Nachschlag erbetteln soll.

- Meine CruiseCard funktioniert noch - aber der Tag ist noch nicht zu Ende.

- Ich werde wohl Hurtigruten verklagen müssen, denn diese Zeit hier an Bord, das waren unmöglich 11 Tage, die müssen da irgendwo herumtricksen, das kann nicht sein!

- Tiefschürfende Gedanken sind grad irgendwo unter all den grandiosen Erlebnissen vergraben, die mein Kurzzeitgedächtnis ebenso haben verschwinden lassen - das kann ja wohl nicht an den mangelnden Stunden Schlaf liegen. Nein. Keinesfalls.

-Ich will nicht heim

- ....und nur für den Fall, dass ich es noch nicht erwähnt habe: ich will noch nicht heim.

- übrigens: ich will noch nicht heim.

 

 

12

 

Erkenntnisse des 12. und letzten Tages:

- Internet-Check-In nützt nur, wenn es alle Optionen kennt, auch Codeshare-Flüge – auf den gewöhnlichen Flughafen-Check-In umzusteigen, bewahrt uns hoffentlich davor, in Oslo aus- und wieder einchecken zu müssen.

- Abschiedsgeschenk der Region gestern abend – kurz vor Ålesund, kurz vor Mitternacht nocheinmal den Himmel in grün leuchten sehen, fast exklusiv allein auf dem Umlaufdeck.

- Die CruiseCard hat sich ein letztes Mal gerächt – wir bekamen die Abrechnung, schriftlich, vom Zahlmeister.

- Beim Niederlassen auf einer Toilette sollte man nie vergessen – man ist auf See, spontane Bewegungen können die Sitzpeilung negativ beeinflussen *autsch*

- Koffer schrumpfen auf einer Reise, echt jetzt.

****************************************************************************************

Eine grandiose Reise geht zu Ende. Eine Reise, die uns mit wunderbarem Wetter verwöhnt hat, das uns Perspektiven geschenkt hat, die wir so noch nie gesehen haben, die wir auch nie mehr vergessen werden.
Diese Reise hat uns auch als Familie gutgetan, es gab so viele glückliche, lustige Momente, die unser Gemeinschaftsgefühl gestärkt haben, die uns wieder bewusst vor Augen führten, wie toll unsere Kinder doch sind, dass auch sie sich nicht nur über WLAN freuen, sondern eben auch an dem, was unsere Erde uns an Schönheit zu bieten hat.
Wir wissen nicht, ob wir diese Rundreise als ganze Familie nochmal machen werden, schon gar nicht wissen wir, ob unsere Kinder ernsthaft mit dem Hurtigruten-Virus angesteckt sind, doch was wir hier erlebt haben, kann uns niemand mehr nehmen, diese gemeinsamen Erinnerungen sind unbezahlbar. Vielleicht erzählen unsere Kinder später ihren Kindern davon, wie schön das war.
Für meinen Mann und mich hingegen ist klar – es war nicht das letzte Mal, wann und wie ist noch nebensächlich.

Noch liegen ein paar anstrengende Stunden vor uns, Bergen-Oslo-Zürich, dann noch eine knappe Stunde, bis wir daheim sind – und dort werde ich mich erst mal übers Daheim freuen.

Wir waren dann irgendwann daheim, unsere Koffer waren mit uns - und über den Rest breite ich den Mantel des Schweigens - wir verfügen immerhin nun über handgeschriebene Swiss-Boardingkarten....

 

 

zurück zur Übersicht oder zur Bildergalerie

www.ohneha.ch